Amarone-Wein

Die Geschichte des Amarone della Valpolicella

Arusnates - Valpolicella Population

Die großen Namen des europäischen Weins wirken, als seien sie schon immer da gewesen. Das kulturelle Leben des Kontinents ohne seine berühmten Weinhäuser und Châteaux, ohne Barolo und Barbaresco, Bordeaux und Burgund, ist kaum vorstellbar. Doch auch wenn manche Weinberge seit Jahrtausenden bestehen, hat sich die vertraute Weinlandschaft vielfach verändert. Regionen kamen in Mode und gerieten wieder in Vergessenheit, erlebten gute und schwierige Zeiten und profitierten von klimatischen Veränderungen oder litten darunter.

Zwei besonders entscheidende Faktoren waren dabei wohl Zufall und Innovation. Häufig gehen sie Hand in Hand. Eine bekannte Legende, die nicht mit gesicherter Geschichte verwechselt werden sollte, schreibt etwa die Entstehung des Champagners Dom Pérignon zu: Der Mönch soll an einem Wein gerade jene Bläschen geschätzt haben, die er eigentlich beseitigen wollte.

Auch Amarone hat eine solche Geschichte: alte Reben, veränderte Vorlieben und ein glücklicher Zufall.

Strohwein und Wein aus getrockneten Trauben waren im antiken Mittelmeerraum gut bekannt. Der griechische Dichter Hesiod beschreibt das Verfahren in Werke und Tage, während Plinius der Ältere verschiedene Süßweine aus Italien, Nordafrika und den griechischen Inseln schildert. Im 6. Jahrhundert erwähnt Cassiodor einen Wein aus dem Gebiet von Verona, den der ostgotische Adel im damaligen Norditalien schätzte. Dieser Wein wird häufig mit den Traditionen der heutigen Valpolicella in Verbindung gebracht. Seine Herstellung erinnert an Weine, die dort noch heute entstehen.

The Arusnates
Mosaic discovered in Valpolicella

Dieser Wein war allerdings kein Amarone. Bei diesen Traditionen ging es überwiegend um Süßweine, wie auch heute bei vielen Weinen aus dem Appassimento-Verfahren, vom zyprischen Commandaria bis zum toskanischen Vin Santo. Einige Weine der Antike wurden außerdem mit Honig, Gewürzen oder Kiefernharz aromatisiert, ähnlich dem heutigen Retsina. In der modernen Valpolicella heißt der große Süßwein aus getrockneten Trauben Recioto. Seine Trauben können noch länger trocknen als jene für Amarone. Damit die Süße erhalten bleibt, muss die Gärung enden, bevor der gesamte Zucker in Alkohol umgewandelt ist. Historisch trennte man durch Abstiche einen Teil der Hefe vom Wein, doch das funktionierte nicht zuverlässig. Louis Pasteurs Arbeiten im 19. Jahrhundert klärten die Rolle der Hefen bei der Gärung; zuvor ließ sich ihre Aktivität nur schwer steuern. Blieben genügend Hefen aktiv, gärte der Wein weiter. Er wurde alkoholreicher und trocken und wirkte im Vergleich zum gewünschten süßen Recioto „bitter“, auf Italienisch amaro.

Das konnte noch in den 1930er Jahren geschehen: Unzureichende Filtration oder ein vergessenes Fass ließen die Gärung bis zum Ende laufen. Gleichzeitig veränderten sich die Vorlieben. Im 19. Jahrhundert hatten zunehmend trockene Champagner begonnen, besonders britische Weintrinker zu gewinnen, während zuvor süßere Stile vorherrschten. Auch die alten Römer hatten Süßweine besonders geschätzt, doch Geschmack bleibt nicht unverändert.

Der Legende nach probierte 1936 der Kellermeister Adelino Lucchese in den Kellern der heutigen Cantina Valpolicella Negrar einen trocken gewordenen Recioto. Statt ihn zu verwerfen, erkannte er seine Qualität. Die Erzählung verbindet Lucchese und den Präsidenten Gaetano Dall’Ora mit einem berühmten Wortwechsel. Die Aussage „Das ist kein Amaro, das ist ein Amarone!“ soll dem Wein seinen Namen gegeben haben. Amarone ist eine verstärkende Form von amaro und grenzt ihn hier vom süßen Recioto ab.

Nach den Archivrecherchen der Cantina Valpolicella Negrar stammt eine erste als „Amarone Extra“ etikettierte Flasche aus dem Jahr 1936; eine Flasche von 1939 wird dort bis heute aufbewahrt. In den folgenden Jahrzehnten, besonders in den 1950er Jahren, entwickelte sich der kommerzielle Vertrieb unter dem Namen Recioto Amarone della Valpolicella. Trotz seiner vergleichsweise jungen Geschichte gewann der Wein durch seinen kraftvollen, trockenen und zugleich fruchtbetonten Stil, seine Lagerfähigkeit und seine feinen rauchigen Noten stetig an Ansehen. Die DOC Valpolicella wurde 1968 anerkannt; Amarone erhielt 1990 eigene Produktionsvorschriften und 2010 die DOCG-Klassifikation. Was einst als Fehler galt, wurde damit zur anerkannten Grundlage eines der großen italienischen Weine.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert