Amarone-Wein

Was ist Appassimento? Die Traubentrocknung für Amarone im Detail

Appassimento Technique

Amarone und Recioto della Valpolicella sind die Aushängeschilder der Region. Die Technik dahinter, das Appassimento, hat eine sehr lange Tradition, auf die bereits Texte aus dem 6. Jahrhundert hinweisen. Das Grundprinzip ist recht bekannt; was dabei im Detail mit Traube und Wein geschieht, dagegen weniger. Weinchemie kann kompliziert wirken. Bei All’Amarone möchten wir sie verständlich machen. Dieser Leitfaden erklärt, was Appassimento ist und weshalb es im Valpolicella so wichtig ist.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Appassimento bezeichnet die kontrollierte Trocknung der Trauben nach der Lese, häufig bis Dezember oder Januar.
  • Die höhere Zuckerkonzentration erhöht den potenziellen Alkoholgehalt, ohne dass Alkohol zugesetzt wird.
  • Die Trocknung verändert auch phenolische Stoffe, Extrakt und Aromen und prägt so die Struktur des Amarone.
  • Der Eindruck von Süße entsteht aus dem Zusammenspiel von Alkohol, Textur, Trockenfruchtaromen und gegebenenfalls Restzucker.
  • Für Amarone della Valpolicella DOCG gelten genaue Produktionsvorschriften.

Was ist Appassimento?

Illustration eines von Masi inspirierten Fruttaio mit Trockengestellen, getrockneten Trauben und den Hügeln des Valpolicella

Illustration nach dem Vorbild der Appassimento-Technik von Masi.

Manchmal heißt es, Amarone werde aus Rosinen hergestellt. Das ist nicht ganz richtig, veranschaulicht aber den Grundgedanken.

Nach der Lese, meist im September oder Oktober, kommen die Trauben in einen Trockenraum, den Fruttaio. Dort können sie mehrere Monate liegen. Beim Appassimento verlieren sie allmählich Wasser. Zucker und andere Bestandteile konzentrieren sich, während sich die Beeren weiter verändern.

Traditionell lagen die Trauben auf Gestellen, den Arele. Wie die Arbeit von Tenute Ugolini zeigt, erleichtert diese Anordnung die Luftzirkulation und die regelmäßige Kontrolle. Viele Erzeuger verwenden heute Kisten und eine geregelte Belüftung, unter anderem aus Gründen der Hygiene, Platznutzung und Feuchtigkeitskontrolle.

Andere halten auch an traditionellen Unterlagen fest. Masi nutzt beispielsweise für einen Teil der Trocknung Arele aus Bambusrohr. Kisten, Tabletts und Gestelle erfüllen dieselbe grundlegende Aufgabe: die Trauben gesund zu halten.

Auf Gestellen kann Luft um die Trauben zirkulieren; beschädigte Beeren lassen sich leichter erkennen und entfernen. Allerdings braucht das Verfahren Platz und intensive Betreuung. Fassungsvermögen und Flaschenzahl hängen von Gestellgröße, Trauben und Ausbeute ab und lassen sich nicht als feste Werte auf alle Betriebe übertragen.

Was unterscheidet Appassimento in pianta, naturale und forzato?

AI Generated "Appassimento in Pianta" Illustration
AI Generated "Appassimento Naturale" Illustration
AI Generated "Appassimento Forzato" Illustration

Nicht jede Traubentrocknung verläuft gleich. Die Bedingungen beeinflussen Frische, Ausgewogenheit und Aromatik.

Appassimento in pianta

Hier trocknen die Trauben noch am Rebstock. Bei manchen Verfahren wird der Stiel durchtrennt oder verdreht, um die Versorgung durch die Pflanze zu unterbrechen.

Vorteile:

  • Starke Konzentration.
  • Ein Verfahren mit Tradition in manchen Weinbaugebieten.

Nachteile:

  • Große Wetterabhängigkeit.
  • Risiken durch Überreife und Fäulnis.
  • Möglicher Säureverlust.

Dies ist nicht das Referenzverfahren für Amarone: Dessen Trauben trocknen nach der Lese.

Appassimento naturale

Ausgewählte Trauben werden gelesen und in Kisten, auf Tabletts oder auf Gestellen wie den Arele aus Bambus ausgelegt.

  • Zeit und Luftbewegung ermöglichen eine langsame Wasserabgabe.
  • Temperatur und Feuchtigkeit im Raum müssen ständig beobachtet werden.
  • Eine geeignete Belüftung oder Klimaregelung kann den Prozess unterstützen.

Bei sorgfältiger Steuerung lässt sich ein Gleichgewicht zwischen Konzentration, Säure und Aromen anstreben. Die Wahl der Unterlage allein garantiert jedoch keine Qualität.

Appassimento forzato

Damit ist meist eine Trocknung gemeint, die durch technische Veränderung der Umgebungsbedingungen beschleunigt wird. Sie kann besser planbar sein und bestimmte Fäulnisrisiken verringern. Geschwindigkeit und Temperatur beeinflussen jedoch die Vorgänge in der Traube.

Zu schnelles oder zu warmes Trocknen kann das gewünschte Profil verändern. Daraus folgt nicht, dass jede technische Unterstützung die Qualität mindert: Klimasteuerung und Heizung zur Beschleunigung der Trocknung sind unterschiedliche Dinge. Für Amarone sind die Grenzen der Produktionsvorschriften maßgeblich.

Was bewirkt Appassimento?

Illustration des Appassimento nach einer Infografik des Weinguts Stefano Accordini

Illustration nach dem Vorbild des Weinguts Stefano Accordini.

Eine vom Rebstock getrennte Beere stellt ihre Aktivität nicht sofort ein. Ohne weitere Wasser- und Nährstoffversorgung gerät sie unter Stress, und ihr Stoffwechsel verändert sich.

Wasserverlust und Zuckerkonzentration

Die sichtbarste Folge ist die Austrocknung. Wasser verdunstet durch die Beerenhaut; dadurch steigt die Zuckerkonzentration und damit der potenzielle Alkoholgehalt des Mosts. Gleichzeitig laufen im Inneren weitere Veränderungen ab.

Glukose und Fruktose sind die wichtigsten vergärbaren Zucker. Ihre Entwicklung hängt von den Trocknungsbedingungen ab. Dass Amarone trocken schmeckt, lässt sich nicht durch einen grundsätzlich sinkenden Fruktoseanteil erklären. Entscheidend ist die Gärführung, bei der Zucker in Alkohol umgewandelt wird.

Säure und Mundgefühl

Während der Trocknung kann die Traube einen Teil der Äpfelsäure verstoffwechseln. Weinsäure ist davon weniger betroffen. Zugleich konzentriert der Wasserverlust die Inhaltsstoffe. Die endgültige Säureentwicklung ergibt sich deshalb aus mehreren Vorgängen: Temperatur, Dauer und Traubenzustand sind ebenso wichtig wie der Wasserverlust.

Diese Veränderungen prägen den späteren Wein. Seine Rundheit hängt aber auch von Gärung, Ausbau und Gesamtbalance ab.

Phenole, Tannin und Aromatik

Mit sinkendem Wassergehalt steigt das Verhältnis von Schalen zu Saft. Auch phenolische Stoffe verändern sich. Umbauten der Zellwände können beeinflussen, wie diese Stoffe bei der Weinbereitung extrahiert werden.

  • Zu den Flavonoiden gehören unter anderem Anthocyane und Tannine, die Farbe und Struktur mitbestimmen.
  • Zu den Nichtflavonoiden zählen beispielsweise phenolische Säuren und Stilbene wie Resveratrol.

Aromastoffe und ihre Vorstufen gehören verschiedenen Stoffgruppen an; nicht alle sind Phenole. Die Trocknung kann ihre Ausprägung verändern und bereichern, garantiert für sich genommen aber weder mehr Komplexität noch lange Lagerfähigkeit.

Glycerin und wahrgenommene Süße

Sehr zuckerreicher Most bedeutet osmotischen Stress für die Hefen. Das kann bei der Gärung die Glycerinbildung begünstigen. Glycerin kann Textur und Süßeeindruck mitprägen; seine Wirkung hängt jedoch von der Konzentration und dem gesamten Wein ab.

Alkohol, Trockenfruchtaromen und Textur können Amarone geschmeidig erscheinen lassen. Auch vorhandener Restzucker kann beitragen und sollte nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden.

Was ist der Unterschied zwischen Ripasso und Appassimento?

Infografik zur Herstellung von Valpolicella Ripasso DOC

Ripasso und Amarone sind eng verbunden. Die Begriffe bezeichnen jedoch unterschiedliche Arbeitsschritte.

Appassimento ist die Trocknung der Trauben vor der Gärung. Ripasso ist eine erneute Vergärung eines bereits erzeugten Valpolicella-Weins.

  • Der Valpolicella kommt mit dem Trester von Amarone und/oder Recioto in Kontakt.
  • Es findet eine weitere Gärung statt.
  • Der Wein gewinnt meist an Körper, Farbe und aromatischer Intensität.

Appassimento verändert somit die Traube, Ripasso einen bereits vergorenen Wein. In Gewicht und Intensität liegt Ripasso häufig zwischen Valpolicella und Amarone, wobei die Stile je nach Erzeuger variieren.

Appassimento und Gärung: weshalb ist das anspruchsvoll?

Die Gärung von Amarone

Viel Zucker, steigender Alkohol und begrenzte Nährstoffe können die Gärung erschweren. Schleppende oder stecken gebliebene Gärungen sind ein reales Risiko, besonders bei zu stark getrockneten oder schlecht ausgewählten Trauben.

Erfolgreiche Amarone-Erzeugung verlangt eine sorgfältige Steuerung von Hefen, Temperatur und Zeit. Ziel ist das gewünschte trockene Profil bei erhaltener Frische und Balance.

Appassimento in den Vorschriften für Amarone DOCG

Illustration der Produktionsregeln für Amarone

Für Appassimento gelten genaue Produktionsregeln. Einige Eckpunkte der offiziellen Spezifikation:

Traubentrocknung

  • Klimaregelung ist bei Temperaturen erlaubt, die mit traditioneller Trocknung vergleichbar sind; wärmegestützte Entfeuchtung ist ausgeschlossen.
  • Die Weinbereitung beginnt normalerweise frühestens am 1. Dezember. Witterungsbedingt kann die Region eine Ausnahme genehmigen.

Zusammensetzung des Weins

  • Mindestens 14 % vol. tatsächlicher Alkohol.
  • Mindestens 5 g/l Gesamtsäure.
  • Mindestens 28 g/l nicht reduzierender Extrakt, bei Riserva 32 g/l.

Restzucker

Die Obergrenze hängt vom Alkoholgehalt ab. Säure, Tannin und Aromen prägen ebenfalls den Geschmack. Trocken bedeutet deshalb nicht zwangsläufig vollkommen zuckerfrei.

Warum ist diese Technik so wichtig?

Appassimento nur als Konzentration zu beschreiben, greift zu kurz. Es verändert das Verhältnis von Wasser, Zucker, Säuren, phenolischen Stoffen und Aromen und beeinflusst anschließend die Gärung. So entstehen auf natürliche Weise gehaltvolle Weine ohne Aufspritung.

Die Technik bleibt ein Kernstück der Identität des Valpolicella. Moderne Erkenntnisse erklären ihre Mechanismen besser und helfen den Erzeugern bei der Steuerung.

Ein gemeinschaftliches Projekt: Terre di Fumane

Illustration des Fruttaio von Terre di Fumane

Terre di Fumane stellt mehreren Weingütern gemeinschaftliche Trocknungsanlagen zur Verfügung. Trauben für Amarone und Recioto werden dort technisch betreut.

Die Idee entstand 1994 aus der Zusammenarbeit von Franco Allegrini und dem Önologen Roberto Ferrarini; die Gesellschaft wurde 1996 gegründet.

Das Projekt verbindet praktische Weinbauerfahrung mit Forschung, um die Qualität der Valpolicella-Weine zu sichern. Es zeigt, wie gemeinsames Wissen und gemeinsame Infrastruktur diesen empfindlichen Produktionsschritt unterstützen können.

Mehr Informationen: terredifumane.it.

Beeinflusst der Klimawandel das Appassimento?

Wärmere Herbstmonate können die Wasserabgabe beschleunigen und die Entwicklung der Trauben verändern. Bei der Trocknung müssen Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftbewegung berücksichtigt werden.

Eine 2023 veröffentlichte Studie der Universität Verona zeigte, dass die Temperatur den Stoffwechsel von Corvina nach der Lese beeinflusst. Unter den untersuchten Bedingungen blieben bei niedrigeren Temperaturen unter anderem bestimmte Säuren und Aromastoffe besser erhalten.

Das unterstreicht die Bedeutung der Steuerung des Fruttaio, liefert aber keine allgemeingültige Regel für alle Trauben und Weine.

Wichtige Punkte:

  • Wärme kann den Wasserverlust beschleunigen.
  • Trocknungsgeschwindigkeit und Temperatur beeinflussen die Traube.
  • Eine sorgfältige Raumsteuerung hilft, die gewünschte Balance zu erhalten.

Fazit

Appassimento ist eng mit Amarone und Recioto verbunden. Die Traubentrocknung hat jedoch in ganz Italien und darüber hinaus eine lange Geschichte. In der Lombardei entsteht Sforzato di Valtellina DOCG als trockener Wein aus getrocknetem Nebbiolo, der dort Chiavennasca heißt. Im Veneto nutzt Malanotte del Piave DOCG teilweise getrocknete Raboso-Trauben.

Auch für viele italienische Süßweine ist das Verfahren wichtig, darunter Recioto und andere Passito-Weine. Hier bleibt ein Teil des Zuckers unvergoren. Vergleichbare Verfahren finden sich außerhalb Italiens etwa bei französischem Vin de Paille sowie bei Weinen aus sonnengetrockneten Trauben im Mittelmeerraum.

Die Besonderheit des Amarone liegt darin, dieses Wissen für einen Wein mit trockenem Profil, Tiefe und Balance einzusetzen. Eine alte Technik prägt damit die gesamte Struktur des Weins, weit über die reine Konzentration hinaus.

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