Romano Dal Forno: Tradition und Innovation im Valpolicella

Amarone ist ein Wein voller Gegensätze. Er kann Kraft und Sanftheit, hohen Alkoholgehalt und Trinkfreude, Fülle und Frische miteinander verbinden. Seine Trauben durchlaufen eine aufwendige Trocknung, ohne dass der Wein zwangsläufig den Ausdruck seiner Herkunft verliert. Eigenständig und zugleich weltweit geschätzt, bringt er scheinbar Unvereinbares in Einklang.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Gegensatz im Verhältnis zur Zeit: Amarone ist zugleich ein alter und ein moderner Wein. Die Weinbereitung aus teilweise getrockneten Trauben hat in Venetien und im Mittelmeerraum eine sehr lange Geschichte. Das anspruchsvolle Verfahren entwickelte sich jedoch über Jahrhunderte weiter. Bessere Behälter, neue Möglichkeiten der Lagerung und verfeinerte Trocknungstechniken machten es verlässlicher. Was zunächst eine Neuerung war, wurde allmählich zur Tradition.
Entscheidend war außerdem die wachsende Bedeutung trockener gegenüber süßen Weinen. Lange stand der Wein aus getrockneten Trauben im Valpolicella vor allem für Recioto und dessen Restsüße. Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Geschmack, erkennbar etwa am Aufstieg des Brut-Champagners und am Ansehen roter Bordeaux- und Burgunderweine. Vor diesem Hintergrund etablierte sich Amarone im 20. Jahrhundert als eigenständiger Stil. Mehr dazu erzählt unsere Geschichte des Amarone.
Ein vergleichsweise junger Wein bewahrt also ein sehr altes Erbe. Seine berühmten Erzeuger können häufig auf eine kürzere Geschichte zurückblicken als die anderer großer Weinregionen, verteidigen ihre Identität aber ebenso entschieden. Kaum jemand verkörpert das Zusammenspiel von Vergangenheit und Zukunft so deutlich wie Romano Dal Forno.
Weine von Romano Dal Forno

Dal Forno: ein Name mit Geschichte
Bei All’Amarone weisen wir häufig darauf hin, dass der Preis von Amarone durch mehrere aufwendige Produktionsschritte geprägt wird. Einige Spitzenweine spielen inzwischen auch unter Sammlerweinen eine bedeutende Rolle. Ihr Ruf kann mit bekannten Namen aus Bordeaux oder Burgund mithalten; eine garantierte Wertsteigerung ergibt sich daraus allerdings nicht.
Der Weinmarkt sucht ständig nach neuen Maßstäben. Feinheit, Lagerpotenzial und Seltenheit tragen zum Ansehen bei, doch zwei scheinbar widersprüchliche Eigenschaften sind besonders wichtig: Tradition und Innovation.
Tradition bedeutet in jeder Region etwas anderes. Gerade daraus entstehen Vielfalt und eine unverwechselbare Identität. In der Champagne zählen nicht nur die Bläschen, sondern auch ihre Entstehung nach einer bestimmten Methode, die sich von der üblicherweise bei Prosecco eingesetzten unterscheidet. In manchen Weinen ist Holz ein wesentlicher Bestandteil des Stils, andere stellen Frische und unverfälschte Frucht stärker in den Vordergrund. Jede Region entwickelt so ihre eigenen Werte.
Innovation spielt eine ebenso große Rolle, auch wenn sie gelegentlich von kurzlebigen Moden begleitet wird. Weinfreunde möchten neue Ideen und Ausdrucksformen entdecken. Das ist keineswegs allein Sache der Neuen Welt: Jede Tradition begann irgendwann als Neuerung. Das wiedererwachte Interesse an möglichst wenigen Eingriffen und an autochthonen Rebsorten zeigt zudem, dass Innovation auch Wiederentdeckung bedeuten kann. Die Alte Welt besitzt dafür einen reichen Fundus.
Wie bleibt man seiner Herkunft treu, ohne stehen zu bleiben? Wie bewahrt man einen unverwechselbaren Charakter und nutzt zugleich neue Mittel, um ihn besser auszudrücken? Romano Dal Fornos Lebensweg gibt darauf eine sehr persönliche Antwort.
Romano wurde 1957 in Capovilla bei Illasi geboren und begann im Familienbetrieb als Traubenbauer. Die Ernte ging an Genossenschaftskellereien, ein in der Region verbreitetes Geschäftsmodell. Die niedrigen Vergütungen der frühen 1980er-Jahre bewogen ihn zu einem neuen Weg: Er wollte aus den eigenen Trauben selbst Wein erzeugen und verkaufen. Seine Familie betrachtete das Vorhaben mit Sorge. Romano suchte jedoch nach einem Lehrmeister, der handwerkliches Können und die Tradition des Valpolicella verkörperte. Er fand ihn in Giuseppe Quintarelli, den er im Alter von 22 Jahren kennenlernte.
Quintarellis Anspruch und seine tiefe Verbundenheit mit der regionalen Identität hinterließen einen bleibenden Eindruck. Ihre Namen blieben eng verbunden, auch als sich ihre Entscheidungen im Keller zunehmend unterschieden.
Der Weg verlief nicht ohne Hindernisse. Einer oft erzählten Anekdote zufolge hielt Quintarelli die Böden in Illasi zunächst eher für Mais als für große Weine geeignet. Romano soll dies als Herausforderung verstanden haben. Der erste Jahrgang des Weinguts war 1983. In den 1990er-Jahren folgte der Bau einer neuen Kellerei, die den wachsenden Ambitionen und dem zunehmenden Ansehen Rechnung trug.
Hinter dem Erfolg stand mehr als ein überzeugender Geschmack: eine sehr klare Vorstellung vom gewünschten Stil und die Entschlossenheit, alle Arbeitsschritte darauf auszurichten.

Was kennzeichnet den Stil von Dal Forno?
Quintarellis Einfluss zeigt sich zunächst im Weinberg. Dal Forno verringerte den Traubenbehang stark, was seine Familie beunruhigte. Für einen Betrieb, der gerade erst mit der eigenen Weinbereitung begann, bedeutete eine so entschiedene Ausrichtung auf Qualität ein erhebliches wirtschaftliches Risiko.
Eine kontrollierte Ertragsmenge kann helfen, die Trauben für den angestrebten Weinstil zu erzeugen. Eine Rebe besitzt jedoch keinen festen Aromavorrat, der lediglich auf mehr oder weniger Beeren verteilt wird. Blattfläche, Gleichgewicht der Pflanze, Boden, Wetter und Reife spielen ebenfalls eine Rolle. Noch niedrigere Erträge ergeben deshalb nicht automatisch besseren Wein. Bei Dal Forno ist die Ertragskontrolle Teil eines umfassenden weinbaulichen Konzepts.
Die Trauben werden äußerst sorgfältig ausgewählt, sowohl vor als auch nach dem Appassimento. Gesundes Lesegut und eine gleichmäßige Trocknung stehen im Mittelpunkt. Die Trocknungsgestelle werden mit einer aufwendig entwickelten Lüftungsanlage kombiniert, die für eine kontrollierte Luftbewegung sorgt.
Bis hierhin erkennt man grundlegende regionale Verfahren, die mit besonderer Präzision umgesetzt werden. Deutlicher unterscheidet sich Dal Forno von seinem Mentor beim Ausbau: Das Barrique nimmt in seiner Arbeit eine zentrale Stellung ein.
Traditionell reifen viele norditalienische Weine in großen Botti, häufig aus slawonischer Eiche. Diese Fässer können mehrere Tausend Liter fassen. Ein Bordeaux-Barrique enthält dagegen 225 Liter, eine burgundische Pièce 228 Liter. Im kleinen Fass ist die Holzoberfläche im Verhältnis zum Weinvolumen größer, wodurch der aromatische Einfluss stärker ausfallen kann. Fassalter, Holz, Toastung und Ausbaudauer sind ebenfalls entscheidend. Ein kleines Fass bedeutet daher nicht einfach einen „beschleunigten“ Reifeprozess.
Warum wurde darüber so heftig diskutiert? Ein wichtiger Teil der italienischen Esskultur legt großen Wert auf den klar erkennbaren Eigengeschmack der Zutaten. Aus Sicht der Traditionalisten soll das Fass den Wein begleiten, ohne ihn zu überdecken. Befürworter des Barriques sahen darin zusätzliche Möglichkeiten für Textur, Integration und Ausdruck. Der Erfolg von Weinen wie Sassicaia regte Experimente weit über die Toskana hinaus an.
Im Piemont führten solche Gegensätze zu den sogenannten „Barolo-Kriegen“, mit denen unter anderem Elio Altares Name verbunden ist. Im Valpolicella hielt Quintarelli bei seinem Amarone vor allem an großen Fässern fest, auch wenn andere Weine des Hauses eigene Wege gingen. Dal Forno entschied sich für eine stärker vom kleinen Fass geprägte Interpretation.
Die Struktur und Fülle des Amarone können diesen Ausbau tragen, doch Harmonie entsteht nicht von selbst. Holz muss sorgfältig eingesetzt werden, damit Frische und Frucht erhalten bleiben. Dal Fornos Ziel ist ein moderner, eigenständiger Amarone, dessen wesentliche Eigenschaften erkennbar bleiben.
Der Monte Lodoletta veranschaulicht diesen Ansatz. Die Ausbaudauer unterscheidet sich je nach Wein und Jahrgang; die anschließende Flaschenreife trägt zur Harmonisierung bei. Innovation dient hier einem klaren Ergebnis und ist kein Selbstzweck.
Selbst die charakteristische Schrift der Etiketten erinnert an Quintarellis Einfluss. Dennoch entwickelte Dal Forno eine eigene, technisch präzise und auf ständige Verbesserung ausgerichtete Vision, die ihrerseits andere Erzeuger prägen sollte.


Wie hat Dal Forno den Amarone verändert?
Zu seinen wichtigsten Leistungen gehört, einer ausgesprochen modernen Interpretation des Amarone große Anerkennung verschafft zu haben. Techniken und Fassformate, die mit internationalen Spitzenweinen verbunden waren, stießen zunächst mancherorts auf Widerstand. Dal Forno zeigte, dass ein ehrgeiziger neuer Ansatz seinen Platz innerhalb der regionalen Tradition finden kann.
Es wäre allerdings zu einfach, Dichte oder Qualität allein dem Barrique zuzuschreiben. Der Stil entsteht durch die gesamte Arbeit vom Weinberg bis zur Flasche. Entscheidend ist, das Potenzial des Amarone auszuschöpfen, ohne dass die eingesetzten Verfahren seine Identität verdecken.
Ilatium Morini wird häufig mit dieser Richtung in Verbindung gebracht. Der Kauf von Weinbergen im Val di Mezzane 1992 und die Weiterentwicklung der Arbeitsweise in den 2000er-Jahren begleiteten einen Weg, auf dem Barriques und moderne Kellertechnik eine wichtige Rolle spielen.
Eine vergleichbare Offenheit für Präzision und Modernisierung findet sich bei Carlo Ferragù. Dabei geht es nicht nur um kleine Fässer, sondern um die grundsätzliche Bereitschaft, neue Mittel für den Ausdruck der Trauben zu nutzen.
Andere Betriebe zeigen, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen können. Roccolo Grassi arbeitet mit unterschiedlichen Anteilen neuen und gebrauchten Holzes. Ca’ dei Frati verbindet Ausbaustufen in verschiedenen Fassformaten. Auch Tommasi setzt bei bestimmten Weinen zeitweise kleinere Fässer ein, etwa beim Ca’ Florian Riserva. Die genauen Verfahren hängen vom jeweiligen Wein und Jahrgang ab.
Häuser wie Domini Veneti oder Zymè beschreiten wiederum eigene Wege. Nicht jede Neuerung lässt sich unmittelbar auf Dal Forno zurückführen. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein Umfeld, das offener für Experimente geworden ist. Die Entstehung des Amarone war nicht der Abschluss der Innovation im Valpolicella, sondern der Beginn eines weiteren Kapitels.
Eine Revolution setzt sich fort
Romano Dal Forno und sein Weingut haben die Möglichkeiten im Valpolicella erweitert. Zusammen mit Quintarelli trugen sie wesentlich zum internationalen Ansehen des Amarone und zur Anerkennung seiner besonders anspruchsvollen Interpretationen bei.
Was in den Anfangsjahren gewagt wirkte, ist für manche Winzer inzwischen ein etablierter Maßstab. Neue Generationen suchen andere Gleichgewichte, etwa mehr Leichtigkeit oder Frische. Die Familie Dal Forno verfolgt weiterhin ihre eigene anspruchsvolle Vision, getragen vom Wunsch nach Präzision und stetiger Verbesserung.

Bildnachweis: Winetaste.
