Giuseppe Quintarelli: der Maestro des Amarone

In der Weinwelt gibt es Stars, verlässliche Größen, aufstrebende Talente und Legenden. Man findet jahrhundertealte Häuser, mutige Neugründungen, Familientraditionen und eigenwillige Winzer. Gelegentlich scheint ein Weingut all diese Eigenschaften zu vereinen. Quintarelli gehört dazu.
Kaum ein Name im Valpolicella steht so unmittelbar für Qualität. Doch dieser Ruf allein erklärt das Gut nicht. Quintarelli pflegt seit Langem große Zurückhaltung und widmet sich lieber Weinberg und Keller als ständiger öffentlicher Präsenz. Die Bekanntheit entstand vor allem durch die Flaschen und die Menschen, die sie miteinander teilen.
Man könnte das Haus für einen Vertreter der alten Schule halten, der von Generation zu Generation überlieferte Methoden bewahrt, ähnlich anderen mythischen Betrieben wie der Domaine de la Romanée-Conti. Dabei würde man übersehen, dass Quintarelli auch zu den großen Erneuerern des Amarone und des italienischen Weins gehört.
Wie kann ein Weingut zugleich so traditionsverbunden und so eigenständig sein? Warum besitzt sein Name in der Welt des Amarone solches Gewicht? Was unterscheidet die Weine? Um Quintarelli zu verstehen, muss man die Familie, ihre Entscheidungen und die Zeit betrachten, die sie jeder Flasche gibt.

Giuseppe Quintarelli: ein Name mit Geschichte
Die erste Frage lautet vielleicht nicht „Was ist Quintarelli?“, sondern „Wer war Quintarelli?“. In einem anderen Artikel stellen wir Romano Dal Forno, seine Innovationen und seinen Einfluss auf die Region vor. Doch auch Dal Forno hatte ein wichtiges Vorbild: Giuseppe Quintarelli, genannt „Bepi“.
Die Familiengeschichte reicht in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurück. Giuseppes Vater Silvio arbeitete zunächst mit seinen Brüdern als Teilpächter, bevor sich die Familie in Cerè bei Negrar niederließ. Giuseppe wurde 1927 geboren, begann jung im Betrieb zu arbeiten und übernahm in den 1950er-Jahren die Leitung. Von Vater und Großvater lernte er die örtlichen Verfahren.
Er reiste auch in andere Gebiete, um deren Arbeitsweisen kennenzulernen. Der Weinautor Burton Anderson beschrieb seine Überzeugung, dass die ererbten Methoden bewahrenswert seien. Treue zur Tradition bedeutete allerdings keinen Stillstand.
Seit den 1960er-Jahren verfolgte Bepi Qualität bis ins kleinste Detail. Die Erträge wurden kontrolliert, die Auswahl des Leseguts außerordentlich streng und teils bis auf einzelne Beeren ausgedehnt. Entsprach die Ernte nicht den Ansprüchen, verzichtete das Gut auf Amarone, etwa im schwierigen Jahrgang 2002.
Dieselbe Sorgfalt findet sich im Keller, bei den geschnitzten Fässern, den Flaschen und den Korken. Kreuze und Pfauen auf manchen Fassfronten erinnern zudem an Bepis religiöse Überzeugungen. Kein Detail galt als unwichtig.
Gemeinsam mit seiner Frau Franca setzte er auf lange Reife und große traditionelle Behälter, während Dal Forno unter anderem das Barrique auslotete. Quintarelli konnte aber auch den regionalen Rahmen verlassen. Angeregt durch seinen amerikanischen Importeur Robert Chadderdon entstand in den 1980er-Jahren Alzero: eine persönliche Antwort auf Bordeaux-Cuvées und Super-Toskaner.
Die Arbeitsweise des Guts verleiht manchen Etikettenbegriffen eine eigene Bedeutung. Riserva bleibt außergewöhnlichen Jahren wie 2000 vorbehalten, obwohl schon der klassische Amarone häufig sieben bis acht Jahre im Holz verbringt. Besondere Partien reifen noch länger. Die Dauer allein berechtigt rechtlich allerdings nicht zur Bezeichnung Riserva; weitere Anforderungen gelten ebenfalls.
Auch Ripasso wird beim Valpolicella eingesetzt, ohne dass das Wort zwingend im Mittelpunkt des Etiketts steht. In der Sicht des Hauses gehört das Verfahren zur Weintradition der Region und ist nicht bloß eine eigenständige Vermarktungskategorie.
Zurückhaltung bedeutet dabei keine Unfreundlichkeit. Besuchsberichte beschreiben eine tiefe Verbundenheit mit Wein als Teil von Essen und Gemeinschaft. Bepi sah ihn lieber in diesem Zusammenhang als ausschließlich als Gegenstand einer technischen Prüfung.
Er starb 2012 im Alter von 84 Jahren. Sein Einfluss reicht weit über den Betrieb hinaus. Für Generationen von Weinfreunden und Erzeugern hat er mitbestimmt, was großer Amarone sein kann. Der Beiname „Maestro“ bleibt deshalb untrennbar mit ihm verbunden.

Das Weingut und seine Terroirs
Nach Bepis Tod führten seine Tochter Fiorenza, sein Schwiegersohn Giampaolo Grigoli und die Enkel Lorenzo und Francesco die Familiengeschichte fort. Klima und Erwartungen des Publikums verändern sich, doch der Anspruch bleibt: einen glaubwürdigen Ausdruck des Valpolicella zu suchen.
Quintarelli ist weiterhin ein kleiner Betrieb. Je nach Zeitraum nennen Beschreibungen leicht unterschiedliche Rebflächen von ungefähr einem Dutzend Hektar. Bei strenger Selektion und langen Reifezeiten bleiben die verfügbaren Mengen zwangsläufig begrenzt.
Die Lagen unterscheiden sich. Rund um Cerè di Negrar und Sant’Ambrogio finden sich unter anderem kalkhaltige, teils fossilreiche Böden sowie vulkanische Formationen. Höhe, Hangneigung, Ausrichtung und Entwässerung tragen zur Vielfalt bei. Kein Bodentyp garantiert allein Qualität; entscheidend ist sein Zusammenspiel mit Rebe und menschlicher Arbeit.
Die jährliche Erzeugung liegt bei einigen Zehntausend Flaschen. Jede trägt das sofort erkennbare Etikett mit seiner charakteristischen Schrift. Die Gestaltung wird mit Giorgio Gioco vom Veroneser Restaurant 12 Apostoli verbunden, dessen Räume heute Casa Perbellini 12 Apostoli beherbergen.
Das Gut wuchs nahe Negrar, einem wichtigen Ort der modernen Amarone-Geschichte. Seine Entscheidungen lieferten nicht nur herausragende Beispiele des Stils, sondern halfen, dessen Ambitionen zu definieren. Die Bedeutung reicht über Amarone hinaus: Die gesamte Palette ist zum Bezugspunkt geworden, von traditionellen Weinen bis zu besonders eigenständigen Schöpfungen.
Weine von Giuseppe Quintarelli
Veneto IGT “Primofiore” 2023
Ursprünglicher Preis war: 74,00 €70,00 €Aktueller Preis ist: 70,00 €.

Die Weine
Amarone della Valpolicella
Am Anfang steht Amarone, jedoch nicht als jedes Jahr gleiches Produkt. Jahrgangsunterschiede gehören zum Ausdruck eines Ortes. Das Wetter verändert sich, die Trauben ebenfalls. Ein günstiges Jahr in einer Region kann andernorts schwierig sein; jede Lage reagiert anders.
Das Gut setzt zunächst eine klare Schwelle: Erfüllt die Ernte seine Ansprüche nicht, entsteht kein Amarone. Das macht die ausgewählten Jahrgänge keineswegs identisch. 1997 und 2000 zählen zu häufig genannten Referenzen. Andere, etwa 2003, zeigen, wie sehr ein einzelner Erzeuger vom allgemeinen Jahrgangsbild abweichen kann.
Jede Entscheidung wird sorgfältig getroffen. Auf die strenge Traubenauswahl folgt die Trocknung im Fruttaio, auf Unterlagen mit guter Luftzirkulation. Je nach Wein und Jahr kann sie bis Januar dauern. Die Anordnung der Trauben wird genau überwacht.
Bekannt ist auch die Rolle, die Edelfäule bei manchen Trocknungen spielen kann. Diese Form der Botrytis verlangt sorgfältige Kontrolle. Sie ist nicht mit unerwünschter Fäulnis gleichzusetzen und wird auch nicht von allen Erzeugern angestrebt.
Nach dem Trocknen folgen das Anquetschen, die Maischestandzeit und eine langsame Gärung. Beschreibungen des Hauses nennen eine ausgedehnte Mazeration und eine Gärung von etwa fünfundvierzig Tagen, anschließend mehrere Jahre in großen Fässern aus slawonischer Eiche. Die genauen Zeiten hängen von Wein und Jahrgang ab. Riserva-Weine sind besonders seltene Selektionen, die teils noch länger ausgebaut werden.
Das Ergebnis verbindet Kraft mit Harmonie. Der Alkohol ist deutlich, doch der Stil strebt Geschmeidigkeit, Finesse und tragende Frische an. Blüten, Sauerkirsche und Waldfrüchte können sich zu einem zugleich fülligen und lebendigen Ganzen verbinden. Man denkt an andere große, gehaltvolle Weine, deren Balance über bloße Kraft hinausgeht, etwa vom Château Rayas.
Mit der Reife können die Fruchtnoten stärker in Richtung Laub, Balsamisches, Tabak und Waldboden gehen. Diese Entwicklungsfähigkeit und die begrenzten Mengen erklären einen Teil der Faszination großer Flaschen des Hauses.
Rosso del Bepi
Entspricht ein Jahr nicht der Vorstellung des Hauses von Amarone, besitzt aber ausreichend Qualität, kann daraus Rosso del Bepi als Veneto IGT entstehen. In sehr schwierigen Jahren kann auf beide Weine verzichtet werden.
Heimische Sorten wie Corvina, Corvinone und Rondinella können mit weiteren Reben kombiniert werden. Appassimento, langsame Weinbereitung und geduldiger Ausbau bleiben wesentlich. Der Anspruch ist deshalb keineswegs nebensächlich: Unter einer anderen Bezeichnung bietet der Wein Substanz, Frucht, Säure und Entwicklungspotenzial.
Valpolicella Classico Superiore
Der Valpolicella Classico Superiore zeigt die Eigenständigkeit des Hauses ebenso deutlich. Ein Teil der Trauben wird frisch verarbeitet, ein anderer nach der Trocknung. Ripasso prägt anschließend das Profil, bevor eine lange Reife in großen Holzfässern folgt.
Zeiten und Mischungsverhältnisse variieren je nach Jahrgang. Der Ansatz geht aber weit über einen für sehr jungen Genuss gedachten Valpolicella hinaus. Der Wein kann erhebliche Kraft und Struktur erreichen und dennoch frisch bleiben. In manchem anderen Betrieb wäre eine solche Flasche bereits die Spitze des Sortiments.
Ca’ del Merlo und Tre Terre
Der in kleineren Mengen erzeugte Ca’ del Merlo Rosso heißt übersetzt „Haus der Amsel“. Der Name sollte daher nicht bloß als Hinweis auf Merlot gelesen werden. Als Veneto IGT verbindet er mehrere Sorten in einer dem Valpolicella verwandten, aber eigenständigen Ausprägung.
Amarone Tre Terre verweist dagegen auf die drei Herkunftsgemeinden der Trauben: Negrar, Marano und Sant’Ambrogio. Er ergänzt die Palette um eine weitere Interpretation des Gebiets.
Alzero und Primofiore
Alzero ließe sich als „Super Veneto“ beschreiben. Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot treffen hier auf das Wissen um die Traubentrocknung. Kleine französische Fässer und später andere Behälter unterscheiden seinen Ausbau von den traditionelleren Rotweinen. Wärme, Konzentration und Finesse ergeben eine sehr persönliche Deutung des Bordeaux-Vorbilds.
Primofiore, die „erste Blüte“, bietet einen jüngeren und frischeren Einstieg. Ungefähr die Hälfte besteht aus Corvina und Corvinone, die andere aus den beiden Cabernet-Sorten. Der Ausbau in slawonischer Eiche erhält eine lebhafte, fruchtige und kräuterige Ausprägung, die im Maßstab des Hauses vergleichsweise leicht wirkt.
Bianco Secco
Quintarelli erzeugt nicht nur Rotwein. Der Bianco Secco als Veneto IGT basiert überwiegend auf Garganega, der bedeutenden weißen Sorte des Soave. Dazu kommen je nach Cuvée unter anderem Trebbiano, Chardonnay und Sauvignon.
Eine kurze kalte Maischestandzeit und die Arbeit mit der Hefe tragen zur Textur bei. Bei der Bâtonnage wird die Hefe aufgerührt, was das Mundgefühl beeinflussen kann. Die Weinbereitung betont Frische; pauschal jeden Jahrgang als vollkommen ohne Holzeinsatz zu beschreiben, wäre allerdings falsch. Florale Noten, Lebendigkeit und kreidige Nuancen ergeben einen eigenständigen Veroneser Weißwein.
Amabile del Cerè
Die Süßweine führen in besonders seltene Bereiche. Amabile del Cerè ist ein weißer Passito, unter anderem aus Garganega und Trebbiano sowie weiteren Sorten je nach Ausgabe. Lange Trocknung und geduldige Reife ergeben eine reiche Aromatik, die an Orangenschale, Mandel und Karamell erinnern kann.
„Amabile“ ist hier Teil des Weinnamens und erlaubt keinen Rückschluss auf einen festen Zuckergehalt. Manche Jahrgänge sind deutlich süß. Auch der Ausbau variiert; maßgeblich ist der konkrete Jahrgang, keine universelle Rezeptur.
Recioto della Valpolicella
Quintarellis Recioto gehört zu den prägenden Beispielen des regionalen Süßweins. Nach der Trocknung verbleibt bei der Gärung ein erheblicher Zuckeranteil. Ein langer Ausbau, häufig in großen Fässern aus slawonischer Eiche, gibt dem Wein Zeit.
Der Stil ist füllig und intensiv. Ebenso wichtig wie die Süße sind jedoch Eleganz und Präzision. Balance und Komplexität können bei guter Lagerung eine Entwicklung über Jahrzehnte ermöglichen.
Vielleicht ist dies der passende Zeitmaßstab für Quintarelli: Jahrzehnte. Die Familie setzt ihre Arbeit geduldig und zurückhaltend fort. Am liebsten lässt sie die Weine sprechen. Bei den großen Flaschen könnte man fast sagen, dass sie singen.
Weine von Giuseppe Quintarelli
Veneto IGT “Primofiore” 2023
Ursprünglicher Preis war: 74,00 €70,00 €Aktueller Preis ist: 70,00 €.Bildnachweise: Veneto Secrets und TastingBook.



